Gustav Rueb. Foto: (c) N. Klinger

KASSEL. Der Regisseur Gustav Rueb hat am Staatstheater Kassel  „Dantons Tod“ inszeniert. Das zentrale Thema in diesem Drama von Georg Büchner ist die Französische Revolution. Im Interview erzählt Gustav Rueb, wie er sich dem Stück genähert hat und warum Danton und seine Freunde „richtige Stars“ waren.

MultiSkript: Dantons Tod ist ein politisches Stück. Es handelt aber zum Beispiel auch von den begrenzten Möglichkeiten der Politik und vom Sinn des Lebens allgemein. Welcher Aspekt ist für Sie der wichtigste?

Gustav Rueb: Wenn mit Sinn des Lebens gemeint ist, dass wir uns die „Schädeldecken aufbrechen“ und uns darin suchen, dann ist es das. Wie können wir überhaupt miteinander kommunizieren? Uns verstehen? Uns kennen? Angesichts von Gewalt und Hunger? Der Naturwissenschaftler Büchner versteht das sehr konkret und völlig sinnlich und physisch. Das fasziniert mich sehr, er meint das völlig ernst.

Politik führt in diesem Zusammenhang nur zu Mord und Totschlag. Das ist auch heute noch so.

MultiSkript: Die Französische Revolution ist das zentrale Thema des Stückes. Haben Sie in Ihrer Inszenierung Parallelen zu jüngeren geschichtlichen Ereignisse gezogen? Wie etwa dem Deutschen Revolutionsherbst oder der Revolte von 1968?

Gustav Rueb: Für mich ging es um all diese gescheiterten Revolutionen, all diese Versuche, die entweder in Gewalt oder in totaler Desillusionierung und Anpassung geendet haben.
Bei 68 kommt noch der Aspekt des Modischen dazu. Es wird chic „Revolutionär“ zu sein, damit einher geht die richtige Lederjacke und der passende Soundtrack. Allerdings ist das nur als äusserliche, momentweise Folie oder assoziatives Echo in die Inszenierung eingeflossen, aber vielleicht sollte man das nicht wirklich vergleichen mit den extrem blutigen Umstürzen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch sieht man doch heute ständig Gesellschaften, die dringend einer Revolution bedürften und trotzdem wird mir nur Angst und Bange, wenn ich bei Büchner lese, was dann wirklich passiert. Es gibt hier nichts zu romantisieren.

MultiSkript: Danton erscheint bei Büchner eigentümlich passiv. Ist er ein resignierter Idealist, der sich nun trotzig den Genüssen des Lebens zuwendet – ist er ein Antiheld? Wie sehen Sie ihn?

Gustav Rueb: Die Revolution ist wie ein Welle, auf der kann man surfen, wenn man so ist wie Danton und seine Freunde. Das waren richtige Stars. Danton steigt aber aus, er will nicht mehr, er sieht wohin das alles führt und verweigert sich. Er flüchtet sich ins Private, ins Fleisch und ist da dann noch Zyniker, Gewinnler und korrupt ohne Ende. Eine wirklich sehr zerrissene Figur und darum so faszinierend.

MultiSkript: Was für ein Typ ist Robespierre in Ihrer Inszenierung? Ist er ein echter Hardliner oder hat er auch Momente des Zweifelns?

Gustav Rueb: Ein guter Schauspieler ist er, er zweifelt, aber das ist auch nur Theater und Geste, er sieht sich übersteigert als Jesus-Figur, als Messias, „der opfert und nicht geopfert wird“. Ist das alles eklig! Aber die Zeit war so blutig, ich glaube, die haben nur noch Blut gesehen, einerseits war das ein normaler Anblick und andererseits scheint es, als ob alle Hemmungen gefallen waren angesichts der Verwüstungen im Inneren und Äusseren. Verklemmtheit und Neid kommen dann bei Robespierre noch erschwerend dazu.

MultiSkript: Die mächtige Kraft der Revolution ist das Volk. Danton wird gefeiert und im nächsten Moment verdammt. Welche Rolle spielt in Ihrer Inszenierung die Verantwortung des Volkes und die Unberechenbarkeit der Masse? Wie bringt man das auf die Bühne?

Gustav Rueb: Ich habe die Volksszenen völlig neu aufgelöst, die Texte zu Chören verdichtet und alle Schauspieler, diese sprechen lassen. Das Volk ist eine gesichtslose Masse, die hungert und wie immer die wirklichen Opfer tragen muss. Aber das macht sie nicht zu besseren Menschen, Büchner beschreibt ein Verrohung und Gewalt, aber vor allem sprachlich. Und die Revolutionäre sind meilenweit vom Volk entfernt, sind eine Art Herrschaftsklasse, wie heute Prominente. Und das Verhältnis des Volkes dazu pendelt wie heute zwischen Anbetung und Verachtung.

MultiSkript: Was folgt für Sie auf „Danton“? Woran arbeiten Sie im Moment?

Gustav Rueb: Ich versuche zu verstehen, woher wir kommen. Also inszeniere ich als nächstes die „Jungfrau von Orleans“ von Schiller. Auch wieder so ein Stück Geschichte, das packend umgesetzt werden kann und unbedingt diese gruselige Sehnsucht beschreiben muss nach Führung, Nationalstolz und Gewalt, die in dem Stück nicht zu übersehen ist.

Thomas Meczele (Danton), Peter Elter (Robespierre). Foto: (c) N. Klinger
Thomas Meczele (Danton), Peter Elter (Robespierre). Foto: (c) N. Klinger
Dantons Tod am Staatstheater Kassel, Schauspielhaus

Thomas Meczele (Danton), Anna-Maria Hirsch (Maron, Grisette), Alina Rank (julie, Dantons Gattin). Foto: (c) N. Klinger